Restaurierungsbericht über die Kohlhaasorgel von Großwinternheim (1769)

zum aktuellsten Pressebericht

Vertragsunterzeichnung
Vertragsunterzeichnung mit OB Müller (2.v.l.)
27.06.2010


Orgelabbau
Orgelabbau
14.02.2011


Orgelaufbau
Orgelaufbau in der Werkstatt Müller,
Zustand: 18.05.2011


Holzpfeifen
Alte Holzpfeifen werden ausgebessert.


Seitenteil
Seitenteil der Zusatzlade für die Posaune


Pedalklaviatur
Neue Pedalklaviatur.


Mixturpfeifen
Mixturpfeifen mit Rekonstruktionen.


Unterlade
Arbeiten an der Unterlade


Spielanlage
Spielanlage im Bau


Untermanual
Blick in die Windlade für das Untermanual


Prospekt
zum Teil restaurierter Prospekt


Untermanual
Lade für das Untermanual in Arbeit


Trakturteile
rekonstruierte Trakturteile in der Orgel


Holzpfeifen
restaurierte Holzpfeifen


Holzpfeifen
Erläuterung der Arbeiten an den Holzpfeifen


Holzpfeifen
Restaurator Bükki im Gespräch mit Organistin Stenger


Holzpfeifen
Kanaltremulent mit dem Widderkopf


Holzpfeifen
restaurierte Holzpfeifen


Holzpfeifen
Wellenbrett und Abstrakten


Holzpfeifen
Aufbau der Pedalladen hinter der Orgel


Holzpfeifen
Bretter für die konischen Posaunenbecher werden bearbeitet


Holzpfeifen
Eisenteile werden in traditioneller Bauweise geschmiedet


Seit vielen Jahren war die Orgel in der katholischen Pfarrkirche Johannes Evangelist zu Großwinterheim (Pfarrei Schwabenheim) in einem maroden Zustand. So berichtete der unvergessene, langjährige Küster der Kirche Pius Schild, dass in den 1960er Jahren die Kinder mit Orgelpfeifen aus dem Instrument durch die Straßen des Ortes gezogen sind. Um das Instrument wieder einigermaßen spielbar zu machen, hat man dann in den 70er Jahren einen Orgelbauer aus Nieder-Olm beauftragt, entsprechende Reparaturen auszuführen. Da kein Geld vorhanden war, hat der Orgelbauer versucht, möglichst billig die Orgel wieder spielbar zu machen. Dabei wurden historische Gesichtspunkte außer Acht gelassen. Langfristig konnte dies keine Lösung sein, zumal die Traktur sehr schwergängig war und nur störanfällig funktionierte. Der Zustand der historischen Pfeifen war höchst mangelhaft; Stimmungen erfolgten z.T. mit Klebeband. Die Mixturpfeifen wurden in der Orgel verteilt, um andere nur schwer reparable Pfeifen zu ersetzen.

Der damalige Organist und Vorsitzende des Pfarrgemeinderates Alex Kloos bat bereits 1979 Herrn Dr. Hans-Joachim Stenger, in einer Pfarrgemeinderatssitzung über die Chancen einer Gangbarmachung der Orgel zu berichten. Herr Stenger erstellte eine Bestandsaufnahme und holte bei verschiedenen Firmen Restaurierungsangebote ein. Da die Gemeinde über keine finanziellen Mittel verfügte, sollte eine Restaurierung langfristig angegangen werden. Primäres Ziel war damals, die Orgel in einen spielbereiten Zustand zu versetzen. Die im Höchstmaß dringend gewordene Instandsetzung des gesamten Kirchengebäudes ließ jedoch die Orgelfrage in den Hintergrund treten.

Erst im Jahr 2002 ist es gelungen, einen Orgelverein ins Leben zu rufen. Jetzt konnte die Restaurierung des Instrumentes realistischer ins Auge gefasst werden. Neue Angebote wurden eingeholt, zumal sich im Naheraum einen Orgelbaufirma etabliert hatte, die mit hervorragenden Restaurierungsarbeiten an barocken Instrumenten auf sich aufmerksam gemacht hatte. Entsprechend zog man die Firma Rainer Müller, Merxheim, in die engere Wahl. Nachdem der Orgelverein durch verschiedene Aktivitäten Spenden und Zuschüsse für die Orgelmaßnahmen requirieren konnte, war es im Juni 2010 so weit, dass der Restaurierungsauftrag unterzeichnet werden konnte. Im Februar 2011 wurde das Instrument vollständig abgebaut und die Teile in die Werkstatt nach Merxheim gebracht. Genauere Untersuchungen brachten einige neue Erkenntnisse, die zuvor nicht möglich waren, zumal es keine Dokumente über die Errichtung der Orgel mehr gab (mehrfache Brandschatzungen im Selztal im Dreißigjährigen Krieg und kurz nach der französischen Revolution): Die Orgel war ursprünglich zweimanualig geplant. Darauf weist der Prospekt hin; außerdem hatte die Kirche eine entsprechende Größe. Aus Kostengründen – Mitte des 18. Jahrhunderts versandeten die adligen Geldquellen in Großwinternheim – hat man nur ein Manual gebaut. Die bereits für das zweite Manual vorgesehenen Register/Pfeifen wurden auf dem einen Manual untergebracht, was zu ungewöhnlichen Pfeifenaufstellungen auf der Lade führte. Das Werk hat seit Anbeginn sehr unter mangelnder Pflege gelitten. Vielleicht war die Gemeinde auch mit dem Klang nicht zufrieden, sodass man immer wieder bei Orgelbauern Restaurierungsangebote einholte. Allerdings hat man sich wohl aus Kostengründen immer nur mit kleinen Reparaturen und Pfeifenumstellungen abfinden müssen.

Ein erstes Angebot der Firma Müller aus dem Jahr 2003 (incl. 16 % MwSt.) betrug 255 548.- €. Entsprechend der allgemeine Teuerung wurde das Angebot am 17.09.2008 auf 280 000.-€ aktualisiert. Nach dem Abbau in der Kirche und gründlicher Untersuchung in der Werkstatt, konnten weitere Erkenntnisse über die ursprünglichen Register gewonnen werden. Auch entschied man sich, das Pedal auf 25 Töne zu erweitern, um die Spielmöglichkeiten zu optimieren; schließlich sollte eine Posaune 16‘ im Pedal einen besonderen Glanzpunkt setzen. Damit erhöhten sich die Gesamtkosten auf 346 750.- €. Diese Summe überstieg die finanziellen Möglichkeiten des Orgelvereins. Man einigte sich mit dem Orgelbauer darauf, dass die vier zusätzlichen Register so vorbereitet werden, dass lediglich die Pfeifen ohne größere Umstände nachträglich eingesetzt werden können; Kosten: 310.000.- €. Der Orgelverein ist guter Hoffnung, dass die Pfeifen für drei Register davon schon während der Restaurierungsphase beauftragt werden können; die Posaunenpfeifen sollten entsprechend den finanziellen Mitteln dann später eingebaut werden.

Die Orgel wird folgende Disposition (Ladenabfolge) haben:

Positiv (I) C-d³ (51 Töne)
1. Principal 4'
2. Mixtur 3f. 1'
3. Sesquialter 2f.
4. Octave 2'
5. Viol di Gamba 4'
6. Spitzflöth 4'
7. Getact 8'
8. Solicional 8'
9. Flaut travers disc. 8'
10. Vox humana 8'

Kanaltremulant

Hauptwerk (II) C - d³ (51 Töne)
11. Principal 8'
12. Mixtur 6f. 1'
13. Quint 1 1/2'
14. Octav 2'
15. Cornet 4f. disc. 4'
16. Bassette 2f. 1 1/3'
17. Octave 4'
18. Quintflöth 3'
19. Klein Getact 4'
20. Gros Getact 8'
21. Viol di Gamba 8'
22. Flageolet 2'
23. Trompet disc. 8'
24. Trompet baß 8'

Pedal C - c1 (25 Töne)
25. Subbaß 16'
26. Octavbaß 8'
27. Posaunbaß 16'

Koppeln
HW/Ped
Pos/HW

Zimbelstern
Kuckuck


Bericht über den Stand der Restaurierung vom 19.08.2011

Die Arbeiten an der Kohlhaas-Orgel von Groß-Winternheim gehen gut voran: Das Gehäuse der Orgel ist weitgehend restauriert. Dabei wurde genau auf historische Vorgaben geachtet. Wenn noch alte Spuren zu entdecken waren, wurden diese aufgegriffen und konsequent verfolgt, um eine historisch gerechte Wiederherstellung durchzuführen (z.B. Gehäuserückwand).
Die Pedalklaviatur ist nach Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert rekonstruiert; Pedalumfang C-c1.
Die Pedallade ist beispielhaft repariert; die Zusatzladen für Pedalumfangerweiterung sind entsprechend den alten Laden hergestellt; die Erweiterungslade für die Posaune 16‘ ist in Arbeit. Die neuen Teile passen sich gut in das vorhandene Material ein.
Die Lade für das Unterwerk/Brustwerk ist in Arbeit und wird nach dem Vorbild der Hauptwerkslade gefertigt. Die Arbeitsausführung lässt keine Wünsche offen.
Die Metall-Pfeifen sind inzwischen alle gesichtet, fehlende Pfeifen hoch qualitativ ergänzt; hervorragende Lötnähte; sorgfältige Zusammensetzung, hochwertiges Material. Die Holzpfeifen sind z.T. auch schon ergänzt. Besonders viel Arbeit bereiten die originalen Subbass-Pfeifen, weil sich hier erhebliche Wurmschäden nach Abnahme des dicken Decklackes zeigten. Die Orgelbauer versuchen, jedes Stück Holz zu erhalten, was zu retten ist; Risse und Löcher werden mit eingesetzten Holzstücken verschlossen, was enorm Arbeit macht. Dadurch wird aber möglichst viel an historischer Substanz erhalten.
Die beiden Manualklaviaturen und die Klaviaturbacken sind nach alten Vorbildern rekonstruiert. Die Untertasten haben Ebenholz- und die Obertasten Beinauflage.
Insgesamt: hervorragende Restaurierungsarbeiten mit liebevollem Bemühen um Erhaltung des historischen Bestandes mit der Zielsetzung, der Gemeinde ein hervorragendes, auf Dauer beständiges Orgelwerk wieder in die Kirche einzubauen.

Alle Arbeiten liegen im Zeitplan, sodass die Einweihung am Sonntag, 16.September 2012 stattfinden kann.


Pressemitteilung

Restaurierung der Kohlhaas-Orgel voll im Zeitplan
Großwinternheim. Nicht schlecht staunten die Besucher aus Rheinhessen, als sie kürzlich die Orgelwerkstatt Rainer Müller in Merxheim an der Nahe besuchten. Da stand ihre Orgel mit neuen noch schutzverpackten Pfeifen äußerlich schon fast fertig in der großen Werkshalle. „Ein überwältigender Eindruck“, meinte die mitgereiste Landtagsabgeordnete Dorothea Schäfer und „Die Orgel klingt ja schon, ohne dass ein Ton zu hören ist“ ergänzte der Ehrenpräsident der Christian-Heinrich-Rinck-Gesellschaft Pfarrer i.R. Klaus Scheuermann, der ebenfalls nach Merxheim gekommen war. Orgelbaumeister Rainer Müller erläuterte kompetent die bereits erfolgten Arbeiten an dem 250 Jahre alten Instrument: Die etwa 150 neuen Prospektpfeifen sind aus 75 %-igem Zinn gefertigt. Die ursprünglichen hatte die Gemeinde schon während des ersten Weltkrieges abliefern müssen. Die Schleierbretter - geschnitzte Holzverzierungen über den Pfeifenmündungen – wurden gereinigt und ergänzt. Das komplette Gehäuse haben die Orgelbauer konsequent und kompromisslos restauriert und so wieder hergestellt, wie es der Erbauer der Orgel Johannes Kohlhaas, der Jüngere gefertigt hatte. Dabei hat man alles, was zu erhalten war, konserviert und originalgetreu ergänzt. Die Spielanlage war vor etwa 40 Jahren umfassend erneuert worden, ohne auf historische Vorgaben zu achten. Daher mussten die Orgelbauer nach Orgeln suchen, die Mitte des 18. Jahrhunderts in der Mainzer Region entstanden sind, um Anhaltspunkte für die Wiederherstellungsarbeiten zu finden. Weiterhin kam hinzu, dass man Mitte des 18. Jahrhunderts plötzlich nicht mehr die finanziellen Mittel hatte, um ein zweimanualiges Werk zu realisieren. Kohlhass konnte dann nur noch ein Manual einbauen, obwohl er zwei konzipiert hatte. Folglich wird das Instrument künftig zwei Manuale besitzen. Die Pedalklaviatur wird entsprechend den Platzverhältnissen an der Spielanlage bis zum Ton c1 erweitert. Dabei wird die Originalwindlade beibehalten und beidseitig ergänzt. Um dem Pedal die nötige Kraft zu verleihen, ist eine weitere Ergänzungslade für die Posaune 16' nötig. Auch diese ist in der gleichen Machart gebaut wie die historischen Laden. Die rekonstruierten Metallpfeifen haben wie die Originale noch Lötfarbe an den Nähten und passen sich daher gut in das Gesamtensemble ein.
An den alten Pedalpfeifen war der Holzwurmbefall besonders groß. Hier hat man nicht einfach neue Pfeifen gebaut, sondern hat alles erhalten, was noch erhaltenswert schien und nur die defekten Teile durch neue Holzstücke ersetzt; eine recht langwierige und mühevolle Arbeit, wie Restaurator Alexander Bükki erläuterte. Als Abzugsdichtungen an den Windladen wurden wie bei der Erbauung dünne Beinscheiben mit Löchern, die nicht viel größer als die Abzugsdrähte sind, eingesetzt; dadurch entsteht kaum Windverlust.
Die Arbeiten liegen voll im Zeitplan, sodass die Aufbauarbeiten in der Großwinternheimer Kirche pünktlich zu Beginn 2012 anlaufen können. Inzwischen ist auch die Statik der Empore überprüft. Weitere Stabilisierungsarbeiten sind hier nicht nötig. Der zuständige Orgelsachverständige Dr. Hajo Stenger bekundete seine volle Zustimmung zu den bislang ausgeführten Restaurierungsmaßnahmen und ist sich sicher, dass Großwinternheim im September 2012 ein konsequent restauriertes, technisch und klanglich hervorragendes Meisterwerk in ihrer Kirche stehen haben wird.

Abschließend fuhr die Besuchergruppe in die Matthiaskirche nach Bad Sobernheim. Die dortige Stummorgel von 1739 hatte ebenfalls die Werkstatt Müller zwischen 2003 und 2005 restauriert und ist etwa so groß wie die Kohlhaasorgel, sodass die Gäste auch einen klangli-chen Eindruck von ihrer künftigen Orgel mitnehmen konnten.

Besuch
Die Besuchergruppe aus Rheinhessen in der Werkstatt Müller vor dem Prospekt der Kohlhaas-Orgel von Großwinternheim: in der Mitte Orgelbaumeister Rainer Müller (10.v.r.) und Orgelrestaurator Alexander Bükki (9. v.r.) sowie die Landtagsabgeordnete Dorothea Schäfer (6.v.l.)


Pressemitteilung vom 30.11.11

Die Arbeiten an der Kohlhaas-Orgel machen gewaltige Fortschritte


Großwinternheim: Dass die Restaurierung der historischen Kohlhaas-Orgel von 1769 beste Fortschritte macht, davon konnte sich der Orgelsachverständige Dr. Hajo Stenger bei einem Besuch in der Werkstatt Müller in Merxheim überzeugen. Im Gespräch mit Restaurator Ale-xander Bükki und Orgelbaumeister Rainer Müller kamen spezielle Einzelheiten der Wieder-herstellung des Instrumentes zur Sprache. Alle Arbeiten werden streng nach historischen Vorgaben und in entsprechender Arbeitsweise ausgeführt. Fast zehn Orgelbauer sind zurzeit an dem Instrument beschäftigt. Die seitliche Spielanlage ist weitgehend fertiggestellt und vermittelt den Eindruck, dass sie so vor 250 Jahren geschaffen wurde. In den Windkanal ist ein Kanaltremulant eingebaut, dessen Gegengewichte die Form eines Widderkopfes aufwei-sen. Der neue Magazinbalg ist in Form eines Schwimmers gebaut. Eigentlich wäre hier eine Tretbalganlage erforderlich. Aber diese hätte die Gesamtkosten um 30 000 € erhöht. Daher begnügt man sich einstweilen mit der einfachen Bauform, zumal es später, wenn der Verein die nötigen Mittel zusammen bekommen hat, kein Problem darstellt, die Tretbalganlage nachzurüsten.

In einer eigens neu beschafften Feldschmiede werden historische Anker, Haken und Scharniere so hergestellt, wie dies vor 250 Jahren ebenfalls geschah. Eine besonders aufwändige Arbeit ist die Fertigung der konischen fast 5 Meter langen Posaunenbecher aus Fichtenholz. Dieses Register wird dem Instrument einen satten, kraftvollen und zugleich festlichen Klang verleihen. Die neue Windlade für das Unterwerk ist zwischenzeitlich komplettiert und in die Orgel eingebaut. Die Abstrakten – lange, dünne Fichtenleisten, die den Spielimpuls von der Taste zur Windlade übertragen – sind schon an den Enden mit Pergament umwickelt und auf die richtige Länge geschnitten. Alle Stöpsel für die gedeckten Holzpfeifen sind repariert und können eingebaut werden.

Bis Weihnachten sollen nun die Rasterbretter – diese halten die Pfeifen auf den Windladen - vorbereitet werden. Außerdem muss noch die Registertraktur gefertigt werden. Damit ist das Ganze aber so weit vorgeschritten, dass Ende Januar mit dem Einbau in der Kirche begonnen werden kann. Die Orgel wird außerdem zwei typische barocke Spielereien erhalten: einen Zimbelstern und einen Kuckuck. Beides wird vom Orgelsachverständigen Stenger gespendet und in dessen Werkstatt gefertigt.

Alle Beteiligen äußerten sich höchst zufrieden über den Fortgang der Arbeiten und die gute Zusammenarbeit zwischen Orgelbauer, Sachverständigem und Orgelverein. Die Gemeinde wird kurz vor dem Abbau der Orgel in der Werkstatt anfangs Januar nochmals die Gelegen-heit haben, das Instrument zu besichtigen, bevor der Wiederaufbau in der katholischen Kirche Johannes Evangelist zu Großwinternheim beginnt.

Besuch
Dr. Stenger und OBM Müller besprechen die Arbeiten an der rekonstruierten Spielanlage.




Pressemitteilung

Vox humana – Stimme des „erbärmlichen“ Menschen
Großwinternheim-Stadecken-Elsheim. Zum letzten Mal hatten die Besucher aus Rheinhessen kürzlich die Gelegenheit, die Großwinternheimer Kohlhaas-Orgel im Werkstattaufbau zu begutachten. Gut drei Dutzend Interessenten aus Großwinternheim, Stadecken-Elsheim, Wallertheim, Obersaulheim, Gundheim und Gau-Bickelheim waren nach Merxheim an der Nahe gereist, um das restaurierte Instrument in Augenschein zu nehmen. Inzwischen ist die Orgel fast komplett aufgebaut: alle etwa 1500 Pfeifen der über 20 Manualregister haben ihren Platz im Orgelgehäuse gefunden, lediglich die großen, gewaltigen Pedalpfeifen müssen noch aufgepasst werden. Orgelbaumeister Rainer Müller hatte sich an diesem Abend viel Zeit genommen, um den Gästen den Aufbau ausführlich zu erläutern. Inzwischen ist die Prospektfront, die Schauseite, einschließlich der kunstvollen Schnitzarbeiten wieder komplett hergestellt, fehlende Stücke wurden ergänzt und eingepasst. Die farblichen Fassungen werden dann vor Ort durch einen Fassmaler und Farbrestaurator Karl Günter Rohr erfolgen, denn es könnte beim Aufbau zu neuen Beschädigungen kommen. Die Trakturteile sind passgenau vorbereitet und montiert. Besonderes Interesse fanden die neu rekonstruierten Zungenpfeifen. Die mächtigen Trompetenbecher auf der Hauptwerkslade dominieren den Blick von hinten in das Orgelinnere. Darunter im Unterwerk stehen die etwas kleineren Klangkörper des Registers Vox humana (= menschliche Stimme); sie fallen durch ihre spezielle Bauweise auf. Wie Herr Müller erläuterte, stehen beiden Register in der Barockzeit in einem besonderen Zusammenhang: Oben steht die kraftvolle Trompete als Symbol des allmächtigen Gottes und unten duckt sich klein und bescheiden die Vox humana als Ausdruck des erbärmlichen Menschen. Der Organologe Pfarrer Klaus Scheuermann und der Orgelsachverständige Dr. Hajo Stenger schilderten ihre Nachforschungen zur Rekonstruktion dieser beiden Zungenregister. In der Zeit der Neoromantik im 19. Jahrhundert hatte man die hässlich quäkenden Pfeifen der Vox humana vielfach aus den Kirchenorgeln verbannt, weil sie wenig der Erbauung der Gläubigen dienten. Daher gab es auch kaum Vorbilder für die Rekonstruktion dieses Pfeifenwerkes. In der berühmten Gabler-Orgel in Weingarten findet sich ein solches Register, das zu allerlei Legendenbildungen angeregt hatte. Heute gibt es in Süddeutschland einen Orgelbaumeister, der sich auf die Rekonstruktion dieses alten Registers spezialisiert hat. Scheuermann und Stenger besuchten diesen und erörterten mit ihm seine Forschungsergebnisse, die sich bereits in der Chororgel des Speyrer Doms niedergeschlagen hatten. Nach dem Abhören dieses einzigartigen Klanges war man sich einige, dass dieser auch für Großwinternheim optimal passen würde. Und so wird dann demnächst im Selztal die Vox humana als Nachahmung der menschlichen Stimme zur Erbauung der Zuhörer ertönen.

Besuch
Die Besuchergruppe aus Rheinhessen an der Rückseite der Großwinternheimer Kohlhaas-Orgel: Pfarrer Jung (6. rechts) hält eine Pfeife der Vox humana; vorn die beiden Orgelexperten Dr. Stenger und Pfarrer Scheuermann.

Besuch
alte und neue Pfeifen des Hauptwerkes

Besuch
Der Vorsitzendes des Orgelvereins Helmut Klapheck

Besuch
Werkstattaufbau

Besuch
Werkstattaufbau

Besuch
H.Klapheck begrüßt die Gäste


Pressemitteilung vom 19.1.2012

Zimbelstern und Kuckuck


Besuch
Pfarrer Thomas Winter und Orgelbaumeister Rainer Müller begutachten die Arbeiten an der Kohlhaas-Orgel.

Besuch
Pfr. Winter erörtert den Aufbau der Pedallade

Besuch
Einblick von hinten zum Pfeifenwerk des II.Manuals

Besuch
letzter Gesamtanblick vor dem Abbau

Besuch
links die neuen Posaunenbecher

Besuch
OBM Müller und Pfr. Winter besprechen den Orgelaufbau

Besuch
Seitenansicht





Pressemitteilung vom 10.05.2012

Letzte Möglichkeit in die Geschichte einzugehen
Groß-Winternheim. Die Restaurierungsarbeiten an der Kohlhaas-Orgel gehen gut voran. In diesen Tagen beginnt nun Orgelbaumeister Rainer Müller, die 1562 Pfeifen zu intonieren und zu stimmen. Intonation bedeutet, dass alle Pfeifen eines Registers die gleiche Klangfar-be, d.h. die gleiche Obertonreihe haben. Dies ist eine aufwändige und zugleich künstlerische Arbeit, die neben einem guten Gehör viel Feinfühligkeit und Sensibilität verlangt. Während manche Pfeifen schon nach einigen Handgriffen den richtigen Klang erbringen, kann es schon einmal zwei bis drei Stunden dauern, bis „widerspenstige Pfeifen“ so ertönen, wie dies gewünscht ist. Wenn diese Arbeit geleistet ist, erfolgt die Stimmung. Auch dies verlangt Fingerspitzengefühl, denn viele Pfeifen werden auf „Länge geschnitten“, um den richtigen Ton zu erzeugen. Schneidet der Orgelbauer zu viel ab, ist die Pfeife zu hoch und sie muss wieder angelötet werden. Dann muss man warten, bis die Pfeife völlig erkaltet ist, andernfalls verstimmt sich die Pfeifen später wieder. Seit Jahren wirbt der Orgelverein Groß-Winternheim um Pfeifenspender und fast 200 Per-sonen haben schon das Geld für eine Pfeife gespendet. Ihre Namen werden nun in die ent-sprechende Pfeife eingraviert und erinnern so über Jahrhunderte hinweg an den jeweiligen Spender. Der Spender darf auch dann selbst „seine“ Pfeife in die Orgel stellen. Noch gibt es die Möglichkeit, eine Pfeife für mindestens € 30.- (gestaffelt bis € 500.-) zu spenden und so in die Geschichte einzugehen. Interessenten wenden sich bitte an den Orgelverein (Helmut Klapheck, Tel 06130 944955, oder Gerd-Peter Schild 06130 6661).

Besuch
Orgelbaumeister Rainer Müller bei der Intonation

Besuch



Pressemitteilung vom 26.05.2012

Geburtstagsgeschenk zum 243. Geburtstag
Kürzlich feierte die für den Wahlkreis 30 Ingelheim zuständige Landtagsabgeordnete Dorothea Schäfer ihren 50. Geburtstag. Da Frau Schäfer sich im kulturellen Bereich stark engagiert, unterstützt sie auch die beiden derzeit laufenden Orgelprojekte in Ingelheim: Wiederaufbau der Skinner-Orgel in der Saalkirche und Restaurierung der Kohlhaas-Orgel im Ortsteil Groß-Winternheim. Statt Geschenke hat sie sich Spenden für diese beiden Projekte erbeten. Durch persönliche Zugaben hat sie die Spendensumme nach oben aufgerundet. Am 25.Mai 2012 war es dann soweit und der erste Spendenscheck wurde an der Orgel der Kirche Johannes Evangelist feierlich an den Schatzmeister des Orgelvereins Gerd-Peter Schild überreicht. Im Beisein von Pfarrer Thomas Winter, Orgelbaumeister Rainer Müller, Orgelvereinsvorstand Helmut Klapheck und Sachverständigem Dr. Hajo Stenger übergab Frau Schäfer einen Spendenscheck in Höhe von 2000 Euro. Sie wies darauf hin, dass sie bereitwillig und gern dieses Orgelprojekt unterstützt, da sie selbst ein Liebhaber von klassischer Orgelmusik ist und dies sei ein Geschenk zum 243. Geburtstag der Orgel, die 1769 nicht fertig gestellte werden konnte, da die adligen Sponsoren keine finanziellen Mittel mehr hatten und einige Großwinternheimer Bürger Geld sammelten, um wenigstens einen Teil der Orgel zum Erklingen zu bringen. Jetzt kann Dank der Aktivitäten des Orgelvereins das Instrument so fertig gestellt werden, wie es der Erbauer Johannes Kohlhaas, der Jüngere, geplant hatte. Als kleines Dankeschön überreichte Herr Klapheck Frau Schäfer eine historische Orgelpfeife mit Grußworten und den Unterschriften der Orgelaktiven in einer formschönen Schatulle. Anschließend ließ Herr Stenger die bislang intonierten und gestimmten Register Prinicipal 8’, Principal 4’ und Octav 4’ erklingen. So konnten die Zuhörer einen ersten klanglichen Eindruck erleben und waren überzeugt, dass hier bald ein phantastisches Instrument stehen wird.

Besuch
Spendenübergabe an der Kohlhaas-Orgel: Dr. Stenger, Orgelbaumeister Müller, G.P.Schild, Frau Schäfer MdL, Pfarrer Winter, Herr Klapheck, Frau Weiß, Fräulein Schäfer (vlnr)



Pressemitteilung vom 27.06.2012

Hoher Besuch bei der Königin
Großwinternheim. Ein besonderer Besuch stellte sich bei der historischen Kohlhaas-Orgel von 1769 in der katholischen Pfarrkirche Johannes Evangelist ein. Die Orgel gilt wegen ihrer klanglichen Vielfalt als Königin der Instrumente. Der Leiter des Bischöflichen Instituts für Kirchenmusik im Bistum Mainz, Herr Diözesankirchenmusikdirektor Thomas Drescher und der wissenschaftliche Mitarbeiter für das Orgelwesen in den Diözesen Mainz und Limburg, Herr Dr. Achim Seip wollten sich vor Ort ein Bild über den Stand der Restaurierungsarbeiten machen. Orgelbaumeister Rainer Müller und der zuständige Orgelsachverständige Dr. Hajo Stenger erläuterten die Arbeiten. Herr Müller zeigte an einzelnen Pfeifen seine spezielle Restaurierungspraxis. Dabei verwies er darauf, dass es eigentlich keine Johannes-Kohlhaas-Orgel mehr gibt, die als Vorbild für die Arbeiten dienen kann. Durch Vergleich mit Orgeln aus dieser Zeit kann man schließen, wie das Instrument wohl vor etwa 240 Jahren geklungen haben könnte. Hierzu hatte der Mitarbeiter Müllers Alexander Bükki umfangreiche Forschungsarbeiten geleistet. Auf Grund dieser Vorarbeiten ist Müller bei den schon eingebauten Registern eine einfühlsame und authentische Intonation gelungen, sodass der Klang der bislang gestimmten 8 Register die anwesenden Musikexperten voll überzeugte und begeisterte. Und sie waren sich ganz sicher, dass hier ein einmaliges Instrument eine geniale Wiederauferstehung erleben wird. Ingelheim wird durch dieses Instrument um eine musikalische Attraktion reicher. Deswegen wird Dr. Seip dieses Instrument bei einem der nächsten Internationalen-Orgel-Kultur-Sommer mit einbinden. Auch ist sich Herr Drescher sicher, dass diese Orgel bestens geeignet ist für die Wiedergabe barocker Orgelmusik und somit ein Anziehungspunkt für Orgelfreunde aus nah und fern sein wird. Die feierliche Einweihung ist für den 16. September 2012, 16 Uhr geplant. Der Schatzmeister des Orgelvereins, Herr Gerd-Peter Schild verwies darauf, dass momentan noch eine kleine Finanzierungslücke besteht; derzeit besteht auch noch die Möglichkeit einer Pfeifenpatenschaft; Auskunft darüber erhalten Sie unter 06130 6661.

Besuch
Die Orgelfachleute begutachten die Restaurierungsarbeiten an der Kohlhaas-Orgel: Dr. Achim Seip, DKMD Thomas Drescher, Dr. Hajo Stenger, Orgelbaumeister Rainer Müller, Schatzmeister Gerd-Peter Schild



Pressemitteilung vom 09.09.2012

Historisch perfekt restaurierte Kohlhaas-Orgel wird wieder eingeweiht
Elsheim - Groß-Winternheim. Zur Pfarrei Schwabenheim gehört neben Elsheim auch die Kirche in Groß-Winternheim. Nach über 20-jähriger Vorbereitungszeit ist es nun gelungen, die Groß-Winternheimer Denkmalsorgel, erbaut 1769 von Johannes Kohlhaas, dem Jüngeren, zu restaurieren. Die Arbeiten waren recht schwierig und aufwändig, denn alle Dokumente aus der Erbauungszeit sind bei mehrfachen Brandschätzungen im Selztal vernichtet worden. Dennoch ist es der Orgelbaufirma Rainer Müller aus Merxheim in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Orgelsachverständigen Dr. Hans-Joachim Stenger geglückt, das Werk originalnah wieder herzustellen. In Vertretung von Herrn Kardinal Lehmann, wird Generalvikar Dietmar Giebelmann das fast 30registrige Werk am Sonntag, 16. September 2012 um 16 Uhr segnen. Der ehemalige Mainzer Domorganist Albert Schönberger wird dann als erster das prächtige Werk erklingen lassen. Der Orgelverein lädt im Anschluss alle Gäste zu einem Umtrunk in die Turnhalle, Groß-Winternheim, ein; hier wird dann auch die Festschrift angeboten. Nach Auskunft von Diözesankirchenmusikdirektor Thomas Drescher wird dann – einmalig im Raum Mainz – eine historisch perfekt restaurierte Barockorgel des Mainzer Orgelbaus zur Verfügung stehen.

Festschrift
Die Festschrift zur Wiedereinweihung der Groß-Winternheimer Kohlhaas-Orgel



Disposition der Kohlhaas-Orgel

Am 16.09.2012, 16 Uhr wurde die Orgel durch Generalvikar Dietmar Giebelmann im Rahmen eines Vespergottesdienstes feierlich eingeweiht. Der ehemalige Domorganist von Mainz Albert Schönberger hat das Instrument gespielt. Die endgültige
Disposition der Kohlhaas-Orgel in historischer Schreibweise
(wie an der Orgel – Registerabfolge von vorn auf den Laden)
I Positiv (C-d³)
PRINCIPAL
MIXTUR
SESQUIALTER
OCTAV
VIOLDIGAMB
SPITZFLAUT
GEDACT
SOLICIONAL
FLAUTRAVERS DISC
VOXHUMANA
4’
1’
2’
4’
2’
8’
8’
8’
8’
II Hauptwerk (C-d³)
PRINCIPAL
MIXTUR
QUINT
OCTAV
CORNET DISCANT
SESQUIALTER BASS
OCTAV
QUINTFLAUT
KLEINGEDACT
GROSGEDACT
VIOLDIGAMB
FLAGONET
TROMPET DISC
TROMPET BASS
8’
1’
1 1/2’
2’


4’
3’
4’
8’
8’
2’
8’
8’
PEDAL (C-C1)
PRINBASS
SUBBASS
POSAUN


TINTINABEL
GUTZGAUCH

TREMULANT
COPPEL
8’
16’
16’



Pressemitteilung vom 09.12.2012

Schlussakkord für die Kohlhaas-Orgel


Fast ein Jahr hat der Wiedereinbau der historischen Kohlhaas-Orgel in der Pfarrkirche Johan-nes Evangelist zu Groß-Winternheim gedauert. Am 16. August ist das Instrument zwar feierlich eingeweiht worden, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Arbeiten noch nicht ganz abgeschlossen waren. Jetzt Anfang Dezember war es endlich so weit: Alle Restaurierungsmaßnahmen an der Orgel sind nun fertig und die Gemeinde hat ein prächtiges Instrument, das nun nach 243 Jahren erstmals vollständig eingebaut ist und so klingt, wie es vor gut zwei Jahrhunderten hätte den Kirchenraum erfüllen sollen. Damals konnte aus Geldmangel nur ein Teil des Instrumentes realisiert werden und immer wieder waren vergebliche Versuche unternommen worden, diese wertvolle Orgel zu komplettieren. Und obwohl dieses Instrument von dem maßgeblichen Kunsthistoriker Georg Dehio schon lange als denkmalswürdig eingestuft worden war, ist es erst mit Hilfe des vor fast 10 Jahren gegründeten Vereins zur Förderung der Wiederherstellung und Pflege der Kohlhaas-Orgel gelungen, die Orgel zu einem technischen und klanglichen Wunderwerk zu machen. Dr. Achim Seip von der Abteilung Glocken und Orgeln im Kirchenmusikalischen Institut Mainz und Orgelsachverständiger Dr. Hans-Joachim Stenger sind sich absolut einig, dass dieses Instrument eine einmalige Orgel des Mainzer Orgelbaus im 18.Jahrundert ist. Es ist dies ein wunderbarer, einzigartiger Mosaikstein in der Orgellandschaft Rheinhessen. Pfarrer Thomas Winter dankte den Orgelbauern Rainer Müller und Alexander Bükki für ihre hervorragende Leistung, die sicher Jahrhunderte überdauern wird. Voll des Lobes waren ebenfalls der erste Vorsitzende des Orgelvereins Helmut Klapheck, sowie der Schatzmeister Gerd-Peter Schild. Dem schloss sich auch der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrates Raimund Huster an. Wie berechtigt diese Anerkennung war, demonstrierte Alexander Bükki, indem er die einzelnen Register und Klangkombinationen bis hin zum majestätischen Plenum klanglich präsentierte.

Orgelabnahme
Das Abnahmeteam: OBM Rainer Müller, OB Alexander Bükki, Helmut Klapheck, Dr. Achim Seip, Raimund Huster, Dr. Hans-Joachim Stenger, Pfarrer Thomas Winter. Im Hintergrund die frisch restaurierte Kohlhaas-Orgel.